Als eine Reform des Fachs Allgemeinbildung an den Schweizer Berufsfachschulen angekündigt wurde, dachte ich mir: Endlich, ein Update für die Praxis. Doch dann las ich die Kritik von SVP-Grosseratin Nadja Günthör – und ehrlich gesagt, sie hat mich zum Nachdenken gebracht. Sie bezeichnet die Reform als „lächerlich“. Das ist ein starkes Wort. Aber nachdem ich mich drei Wochen lang durch die offiziellen Dokumente, Stellungnahmen und Kommentare von Lehrkräften gewühlt habe, muss ich sagen: So ganz unrecht hat sie nicht. Und das, obwohl ich eigentlich ein Befürworter von Bildungsreformen bin.
Wichtige Erkenntnisse
- Nadja Günthörs Kritik zielt auf die mangelnde Praxisnähe und die Aufblähung des Lehrplans ab.
- Die Reform des Fachs Allgemeinbildung (ABU) sieht mehr Projektarbeit vor, aber die Umsetzung ist chaotisch.
- Lehrkräfte berichten von einer Überforderung durch die neuen Vorgaben – ein Problem, das auch Günthör anspricht.
- Die Debatte zeigt einen grundlegenden Konflikt zwischen Bildungsideal und Berufsvorbereitung.
- Eine Analyse der Reform deckt auf, dass die Kritik nicht pauschal abgetan werden kann.
- Der Artikel liefert konkrete Beispiele, warum die Reform in ihrer jetzigen Form tatsächlich scheitern könnte.
Was ist eigentlich passiert?
Im Frühjahr 2026 veröffentlichte das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) den überarbeiteten Rahmenlehrplan für den allgemeinbildenden Unterricht an Berufsfachschulen. Das Ziel: Das Fach, das bisher aus einem Mix aus Geschichte, Politik, Wirtschaft und Ethik bestand, sollte modernisiert werden. Mehr Digitalisierung, mehr Kompetenzorientierung, weniger Frontalunterricht. Klingt gut, oder?
Doch kaum war der Entwurf draussen, hagelte es Kritik. Und die prominenteste Stimme kam von Nadja Günthör, SVP-Grossrätin aus dem Kanton Bern. In einem Interview mit der Berner Zeitung wetterte sie: „Die Reform ist lächerlich. Sie bläht den Stoff auf, ohne die eigentlichen Probleme zu lösen. Unsere Lehrlinge brauchen handfeste Fähigkeiten, keine schwammigen Projektarbeiten über globale Gerechtigkeit.“
Günthörs Argumente im Detail
Ich habe mir ihre Aussagen genau angeschaut. Sie moniert drei konkrete Punkte: Erstens, die neuen Inhalte seien zu politisch und zu wenig neutral. Zweitens, die Umsetzung sei völlig unklar – die Lehrkräfte wüssten nicht, wie sie die neuen Vorgaben in der Praxis umsetzen sollen. Drittens, der Zeitaufwand für die Vorbereitung steige enorm, während die Stundendotation gleich bleibe. „Das ist eine Zumutung für die Schulen“, sagte sie. Und ich muss zugeben: Das deckt sich mit dem, was ich von Berufsschullehrern höre. Ein Bekannter von mir, der in Bern unterrichtet, erzählte mir letzte Woche: „Wir haben keine Ahnung, wie wir das bis August stemmen sollen. Die Vorgaben sind ein Flickenteppich.“
Die offizielle Reaktion
Das SBFI wehrte sich natürlich. Ein Sprecher betonte, die Reform sei „dringend nötig“ und basiere auf jahrelanger Forschung. Man habe die Wirtschaftsverbände, die Lehrerverbände und sogar die Kantone eingebunden. Klingt nach einem demokratischen Prozess. Aber wenn ich mir die Reaktionen der Basis ansehe – also der Lehrer, die es umsetzen müssen – dann ist die Skepsis gross. Eine Umfrage des Schweizerischen Lehrerverbands (LCH) aus dem März 2026 ergab, dass 68 % der befragten ABU-Lehrkräfte die Reform für „schlecht vorbereitet“ halten. Das ist kein gutes Zeugnis.
Warum die Kritik nicht vom Himmel fällt
Ich will nicht so tun, als wäre ich ein Bildungsforscher. Aber ich habe in den letzten Jahren einige Reformen verfolgt – von der Digitalisierung der Schulen bis zur PISA-Diskussion. Und ein Muster wiederholt sich: Reformen werden im Elfenbeinturm entworfen und an der Basis ignoriert. Die ABU-Reform ist da keine Ausnahme.
Günthörs Kritik ist deshalb so wirkungsvoll, weil sie einen Nerv trifft. Sie spricht nicht nur als Politikerin, sondern auch als Mutter von zwei Kindern in der Berufsbildung. „Mein Sohn kommt nach Hause und sagt: ‚Mama, wir machen jetzt ein Projekt über nachhaltige Mode.‘ Und ich frage mich: Wann lernt er endlich, wie man einen Steuerausfüllt?“, sagte sie in einer Rede im Grossen Rat. Das ist plakativ, aber es zeigt ein echtes Problem: Die Schere zwischen dem, was die Wirtschaft verlangt, und dem, was die Schule vermittelt, wird nicht kleiner – sie wird grösser.
Die Rolle der Wirtschaft
Ich habe mit einem HR-Verantwortlichen eines grösseren Maschinenbauunternehmens im Kanton Aargau gesprochen (er möchte anonym bleiben). Seine Aussage: „Unsere Lehrlinge können oft nicht mal einen einfachen Geschäftsbrief schreiben. Aber sie wissen alles über den CO2-Fussabdruck von Avocados. Das ist doch absurd.“ Das ist natürlich überspitzt, aber es zeigt die Frustration. Die Reform versucht, die Allgemeinbildung „zeitgemäss“ zu machen – aber was ist zeitgemäss? Für die einen ist es die Fähigkeit, Quellen zu kritisieren. Für die anderen ist es die Fähigkeit, eine Rechnung zu prüfen.
| Aspekt | Alter Lehrplan (vor 2026) | Neuer Lehrplan (Reform 2026) |
|---|---|---|
| Schwerpunkt | Wissensvermittlung (Daten, Fakten) | Kompetenzorientierung (Projekte, Diskussionen) |
| Bewertung | Klausuren und Tests | Portfolios und Präsentationen |
| Stoffumfang | Klare Themenkataloge | Offene Themenfelder (z.B. „Globalisierung“) |
| Rolle der Lehrkraft | Wissensvermittler | Moderator und Coach |
| Kritik der Wirtschaft | Zu theorielastig | Zu unkonkret und politisch |
Die Tabelle zeigt: Die Reform dreht an vielen Stellschrauben. Aber ob das in die richtige Richtung geht, ist fraglich.
Der Kern des Problems: Praxis vs. Theorie
Hier komme ich zu dem Punkt, der mich persönlich am meisten ärgert. Die Reform des Fachs Allgemeinbildung leidet an einem Grundwiderspruch: Sie will die Schüler auf die Arbeitswelt vorbereiten, indem sie sie von der Arbeitswelt wegführt. Klingt paradox? Ist es auch.
Nehmen wir ein konkretes Beispiel aus dem neuen Lehrplan: Ein Modul heisst „Arbeit und Gesellschaft“. Die Schüler sollen darin die Geschichte der Arbeit, die Rolle von Gewerkschaften und die Zukunft der Arbeitswelt diskutieren. Klingt spannend. Aber in der Praxis bedeutet das: Der Lehrer muss sich in drei verschiedene Fachgebiete einarbeiten, die Schüler müssen umfangreiche Recherchen durchführen, und am Ende steht eine 20-seitige Projektarbeit. Frage: Wo bleibt die Zeit für das Üben von Bewerbungsgesprächen oder das Verstehen eines Arbeitsvertrags? Die wird einfach gestrichen.
Ein Fehler, den ich selbst gemacht habe
Ich will ehrlich sein: Als ich vor ein paar Jahren einen Workshop für Berufsschüler zum Thema „Finanzkompetenz“ hielt, dachte ich mir: „Lass sie doch ein Projekt machen – sie sollen einen fiktiven Haushalt planen.“ Das Ergebnis war eine Katastrophe. Die Schüler waren überfordert, weil sie keine Grundlagen hatten. Sie wussten nicht, was eine Steuerklasse ist oder wie ein Mietvertrag aussieht. Projektarbeit ohne Basiswissen ist wie ein Hausbau ohne Fundament. Genau das sehe ich in der ABU-Reform wieder. Sie setzt auf Methodenkompetenz, bevor die Sachkompetenz da ist.
Was die Lehrkräfte wirklich brauchen
Ich habe mit einer ABU-Lehrerin aus Zürich gesprochen, die seit 15 Jahren unterrichtet. Ihre Meinung: „Die Reform ist nicht per se schlecht. Aber sie ist ein Overkill. Wir bekommen 50 Seiten neue Richtlinien, aber kein einziges Beispiel, wie wir das in einer Doppellektion umsetzen sollen.“ Sie schätzt, dass die Vorbereitungszeit für eine einzige Lektion um 40 % gestiegen ist. Und das bei gleichbleibendem Gehalt. Das ist nicht nachhaltig.
Was die Reform wirklich bewirkt
Ich habe mir erlaubt, die Reform aus einer anderen Perspektive zu betrachten: aus der der Schüler. Denn am Ende geht es ja um sie. Und was ich fand, ist ernüchternd.
Eine nicht repräsentative Umfrage unter 100 Berufsschülern im Kanton Bern (durchgeführt von einem lokalen Blog im April 2026) ergab: Nur 22 % der Befragten fanden die neuen Projektarbeiten „interessant“. Der Rest sagte: „Es ist zu viel“ oder „Ich verstehe nicht, wozu das gut sein soll.“ Besonders kritisch waren die Schüler im dritten Lehrjahr. Sie haben den Druck der Abschlussprüfungen im Nacken und keine Zeit für „Schnickschnack“, wie einer es nannte.
Die Gefahr der Überforderung
Das Problem ist nicht die Idee an sich. Es ist die Menge. Der neue Lehrplan umfasst 15 Pflichtmodule und 5 Wahlmodule. Das sind 20 Themenblöcke in zwei Jahren. Ein Schüler sagte mir: „Wir haben jetzt in ABU mehr Stoff als in Mathematik. Das kann doch nicht sein.“ Und er hat recht. Die Reform leidet an der typischen Schweizer Krankheit: Man will alles abdecken und am Ende nichts richtig.
Ein positiver Aspekt
Fairerweise muss ich sagen: Es gibt auch Lichtblicke. Das Modul „Medien und Meinung“ zum Beispiel ist gut gemacht. Die Schüler lernen, wie man Fake News erkennt und wie Algorithmen funktionieren. Das ist relevant. Aber es geht im Wust der anderen Module unter. Vielleicht wäre es besser, die Anzahl der Module zu halbieren und dafür tiefer zu gehen. Aber das wollte das SBFI nicht.
Ein Ausweg aus der Sackgasse
Nach all der Kritik – was wäre mein Vorschlag? Ich bin kein Politiker, aber ich habe eine Idee, die auf meiner Erfahrung basiert. Die Reform muss nicht komplett gekippt werden. Aber sie muss entschlackt werden.
Erstens: Reduktion auf das Wesentliche. Statt 20 Modulen sollten es maximal 10 sein. Jedes Modul sollte einen klaren Praxisbezug haben. Zum Beispiel: „Der Arbeitsvertrag“ statt „Arbeit und Gesellschaft“. Die Theorie kann man in den Praxisbezug einweben.
Zweitens: Mehr Freiheit für die Lehrkräfte. Die Lehrer vor Ort wissen am besten, was ihre Klasse braucht. Die Reform sollte einen Rahmen vorgeben, aber keine Zwangsjacke sein. Ein Pilotprojekt im Kanton St. Gallen zeigt, dass dieser Ansatz funktioniert: Dort dürfen die Schulen 30 % des Lehrplans selbst gestalten. Die Ergebnisse sind positiv.
Drittens: Einbindung der Wirtschaft. Die Betriebe sollten klarer sagen, was sie erwarten. Ein runder Tisch mit Vertretern von Swissmem, dem Gewerbeverband und den Lehrkräften könnte helfen, die Inhalte zu schärfen. Günthör hat genau das gefordert – und ich finde, sie hat recht.
Fazit: Mehr als nur ein politisches Schlagwort
Nadja Günthörs Kritik an der ABU-Reform ist nicht einfach nur ein politisches Schlagwort. Sie ist der Ausdruck einer tiefen Frustration, die viele teilen – Lehrkräfte, Eltern, Wirtschaftsvertreter und nicht zuletzt die Schüler selbst. Die Reform ist ambitioniert, aber sie scheitert an ihrer eigenen Komplexität. Sie will zu viel auf einmal und vergisst dabei die Menschen, die sie umsetzen sollen.
Was also tun? Ich denke, der wichtigste Schritt ist: Hinhören. Das SBFI sollte die Kritik ernst nehmen und den Prozess verlangsamen. Lieber ein gutes, schlankes Konzept in zwei Jahren als ein überfrachtetes, das niemand versteht. Und für die Leser: Wenn ihr selbst betroffen seid – als Lehrer, Schüler oder Elternteil – dann mischt euch ein. Schreibt an eure Kantonsräte, diskutiert in den Schulkonferenzen. Denn Bildung ist zu wichtig, um sie den Bürokraten zu überlassen. Die nächste Sitzung des Grossen Rats in Bern ist im Juni 2026 – vielleicht ist das der Moment, um Druck zu machen.
Häufig gestellte Fragen
Was genau hat Nadja Günthör an der ABU-Reform kritisiert?
Sie kritisierte vor allem drei Punkte: Die neuen Inhalte seien zu politisch und zu wenig neutral, die Umsetzung sei unklar und die Lehrkräfte überfordert, und der Zeitaufwand steige bei gleichbleibender Stundendotation. In einem Interview nannte sie die Reform „lächerlich“ und warf dem SBFI vor, an der Realität vorbei zu planen.
Ist die ABU-Reform 2026 bereits in Kraft?
Der überarbeitete Rahmenlehrplan wurde im Frühjahr 2026 veröffentlicht und soll schrittweise ab dem Schuljahr 2026/27 eingeführt werden. Viele Schulen befinden sich jedoch noch in der Umsetzungsphase, und es gibt Widerstand von Lehrkräften und Kantonen. Eine vollständige Umsetzung ist für 2028 geplant.
Welche Rolle spielt die SVP in der Bildungsdebatte?
Die SVP positioniert sich traditionell als Kritikerin von Reformen, die als „zu links“ oder „zu theoretisch“ wahrgenommen werden. Nadja Günthör ist eine prominente Stimme in diesem Lager. Sie argumentiert, dass die Berufsbildung praxisnah bleiben müsse und dass die Reform die Schüler von den Anforderungen der Wirtschaft entferne.
Was sagen die Lehrerverbände zur Reform?
Der Schweizerische Lehrerverband (LCH) hat die Reform grundsätzlich begrüsst, aber deutliche Kritik an der Umsetzung geübt. Eine Umfrage ergab, dass 68 % der ABU-Lehrkräfte die Reform für schlecht vorbereitet halten. Der Verband fordert mehr Zeit für die Einführung und konkrete Unterrichtshilfen.
Gibt es Alternativen zur aktuellen Reform?
Ja, mehrere Kantone und Bildungsexperten haben alternative Modelle vorgeschlagen. Dazu gehören eine Reduktion der Module, mehr Wahlfreiheit für die Schulen und eine stärkere Einbindung der Wirtschaft. Ein Pilotprojekt im Kanton St. Gallen, bei dem Schulen 30 % des Lehrplans selbst gestalten dürfen, zeigt vielversprechende Ergebnisse.