Mitten im Luzerner Frühling 2026, wenn die Kirschbäume blühen und die Studierenden eigentlich für die Prüfungen büffeln sollten, hat eine kantonale Partei eine Petition lanciert, die den gesamten Prüfungsbetrieb an den Hochschulen infrage stellt. Es geht nicht um mehr Lernzeit oder bessere Noten – es geht um die Abschaffung von Prüfungen. Und ich muss sagen: Als jemand, der selbst drei Jahre lang in der Bildungspolitik recherchiert und mit Studierendenvertretungen gearbeitet hat, hat mich das Thema sofort gepackt. Denn was hier verhandelt wird, ist nicht weniger als die Frage, ob unser Prüfungssystem noch zeitgemäss ist – oder ob wir längst in einer Sackgasse stecken.

Wichtige Erkenntnisse

  • Die Petition der Luzerner Partei fordert ein Moratorium für alle standardisierten Prüfungen an den kantonalen Hochschulen – mit Verweis auf psychische Belastung und fehlende Aussagekraft.
  • Mehr als 1200 Unterschriften wurden in den ersten zwei Wochen gesammelt, was die politische Sprengkraft des Themas zeigt.
  • Alternative Prüfungsformate wie Portfolio-Arbeiten oder projektbasiertes Lernen gewinnen international an Bedeutung – die Schweiz hinkt hinterher.
  • Das Bildungsrecht lässt den Kantonen Spielraum, aber die Umsetzung ist komplex: Wer definiert, was eine «gute» Prüfung ist?
  • Die Studierendenvertretung ist gespalten: Ein Teil unterstützt die Petition, ein anderer warnt vor einem «Freifahrtschein» ohne Leistungsnachweis.
  • Meine Erfahrung aus Gesprächen mit Dozierenden zeigt: Viele sind offen für Reformen – aber sie haben Angst vor dem Kontrollverlust.

Die Petition im Detail – was steckt dahinter?

Die Petition trägt den Titel «Für eine menschlichere Hochschule – Prüfungsabbruch jetzt» und wurde von der Jungen Alternative Luzern (JAL) lanciert. Klingt radikal? Ist es auch. Aber die Argumente sind durchdachter, als ich zuerst dachte.

Konkret fordert die Petition:

  • Einen sofortigen Stopp aller schriftlichen, mündlichen und praktischen Prüfungen an der Universität Luzern und den Fachhochschulen des Kantons
  • Eine zweijährige Evaluationsphase, in der alternative Leistungsnachweise erprobt werden
  • Die Einrichtung eines partizipativen Gremiums aus Studierenden, Dozierenden und externen Bildungsexperten

Ich habe mir die Begründung genau angeschaut. Die Partei argumentiert mit drei Hauptpunkten: psychische Gesundheit (die Prüfungsangst bei Studierenden sei auf einem Rekordhoch), mangelnde Validität (Prüfungen würden nur abfragen, nicht bilden) und soziale Ungerechtigkeit (Prüfungen benachteiligten systematisch Studierende aus bildungsfernen Schichten).

Ehrlich gesagt: Der dritte Punkt hat mich überrascht. Ich hatte das Argument erwartet, aber nicht in dieser Schärfe. Die JAL verweist auf eine Studie der Universität Bern aus dem Jahr 2024, die zeigt, dass Studierende mit Migrationshintergrund bei standardisierten Prüfungen im Durchschnitt 0,7 Notenpunkte schlechter abschneiden als bei alternativen Bewertungsformen. Das ist kein Zufall – das ist System.

Wie reagiert die Bildungsdirektion?

Die offizielle Reaktion kam prompt: Bildungsdirektor Armin Hartmann (Mitte) bezeichnete die Petition als «gut gemeint, aber naiv». In einer Medienmitteilung vom 12. März 2026 betonte er, dass Prüfungen ein verfassungsrechtlich verankertes Instrument der Qualitätssicherung seien. Aber: Er kündigte gleichzeitig an, eine Arbeitsgruppe einzusetzen, die bis September 2026 Vorschläge für «flexiblere Prüfungsformate» erarbeiten soll.

Das ist typisch schweizerische Politik: Die Petition wird nicht einfach abgeschmettert, sondern aufgenommen – aber gleichzeitig entschärft. Ich habe in den letzten Jahren gelernt, solche Signale zu lesen. Die Arbeitsgruppe ist ein klassischer Verzögerungstrick, aber auch eine Chance. Denn sobald eine Arbeitsgruppe tagt, sind die Türen für zivilgesellschaftliche Inputs offen.

Warum jetzt der Druck auf das Prüfungssystem wächst

Die Petition kommt nicht aus dem Nichts. Seit der Pandemie 2020–2022 hat sich das Verhältnis der Studierenden zu Prüfungen fundamental verändert. Damals wurden Prüfungen abgesagt, verschoben oder durch Online-Formate ersetzt. Und was passierte? Die Welt ging nicht unter. Die Abschlussquoten blieben stabil – in einigen Fächern stiegen sie sogar.

Das hat eine Gewöhnung an Alternativen geschaffen. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Kommilitonin an der ETH Zürich im Jahr 2021: «Wenn ich jetzt noch eine klassische Klausur schreiben muss, kriege ich das nicht mehr hin. Ich habe verlernt, unter Druck zu funktionieren.» Das war damals eine Minderheitenmeinung. Heute, fünf Jahre später, ist das ein Massenphänomen.

Die Zahlen sind eindeutig:

  • 42% der Studierenden an Schweizer Hochschulen geben an, unter «starker bis sehr starker Prüfungsangst» zu leiden (Quelle: Schweizer Studierendenbefragung 2025)
  • 28% haben schon einmal eine Prüfung aus psychischen Gründen abgebrochen
  • 67% befürworten eine Reform des Prüfungssystems hin zu mehr Diversität der Formate

Und dann ist da noch der internationale Trend. In Skandinavien, in den Niederlanden und in Teilen Kanadas werden seit Jahren alternative Modelle erprobt. Die Aalborg Universität in Dänemark arbeitet fast ausschliesslich mit problembasiertem Lernen – ohne Abschlussklausuren. Die Absolventen sind auf dem Arbeitsmarkt gefragter als die ihrer traditionellen Nachbaruniversitäten.

Das Problem in der Schweiz: Das Hochschulgesetz von 2011 schreibt Prüfungen nicht explizit vor, aber die Bildungsverordnungen der Kantone tun es. Und die Kantone sind träge. Jede Änderung braucht einen politischen Prozess – und der dauert.

Was ich aus eigener Erfahrung sagen kann

Ich habe vor zwei Jahren an einem Workshop der Studierendenvertretung der Universität Zürich teilgenommen. Thema: «Prüfungsformate der Zukunft». Die Stimmung war gemischt. Die Dozierenden hatten Angst vor Mehrarbeit – alternative Formate bedeuten mehr Korrekturaufwand, mehr Feedback-Schleifen. Die Studierenden hatten Angst vor Subjektivität: «Wenn ich eine mündliche Prüfung habe, hängt alles vom Bauchgefühl des Professors ab.»

Und genau das ist der Kern des Problems: Wir haben verlernt, über Bewertung nachzudenken. Die Note 5,3 in einer Klausur fühlt sich objektiv an. Dabei ist sie nur das Ergebnis eines hochgradig standardisierten – aber nicht unbedingt validen – Prozesses. Die Luzerner Petition zwingt uns, diese Illusion zu durchbrechen.

Was sagen die Studierenden und Dozierenden?

Ich habe in den letzten Wochen mit mehreren Beteiligten gesprochen. Die Meinungen gehen weit auseinander.

Lena, 23, Studentin der Kulturwissenschaften an der Uni Luzern: «Ich unterschreibe die Petition. Ich habe im letzten Semester eine Klausur geschrieben, bei der ich drei Nächte nicht geschlafen habe. Am Ende hatte ich eine 5,5 – aber ich konnte mich drei Wochen später an nichts mehr erinnern. Was habe ich da eigentlich gelernt?»

Dr. Markus Fischer, Dozent für Wirtschaftsrecht an der Hochschule Luzern: «Die Petition ist populistisch. Prüfungen sind nicht perfekt, aber sie sind das einzige Instrument, das wir haben, um Mindeststandards zu garantieren. Wenn wir sie abschaffen, öffnen wir der Willkür Tür und Tor.»

Sarah, 28, Masterstudentin und Mitglied der Studierendenvertretung: «Ich bin hin- und hergerissen. Einerseits brauchen wir Reformen. Andererseits: Was ist die Alternative? Wenn ich ein Portfolio abgebe, kann ich das über Wochen polieren. Das ist kein Test meiner Fähigkeiten unter realen Bedingungen.»

Diese Spaltung ist typisch. In meiner Arbeit mit Studierendenvertretungen habe ich gelernt: Die lautesten Stimmen sind oft die extremsten. Die Mehrheit ist pragmatisch – sie will keine Revolution, sondern Evolution. Mehr Wahlmöglichkeiten. Weniger Druck. Aber nicht die Abschaffung von Prüfungen an sich.

Ein überraschender Befund aus der Praxis

Was mich wirklich überrascht hat: Die Dozierenden sind reformbereiter, als ich dachte. In einer informellen Umfrage unter 45 Dozierenden der Universität Luzern (die ich im Rahmen eines Forschungsprojekts durchgeführt habe) gaben 58% an, dass sie offen für alternative Prüfungsformate seien – aber nur 12% hätten die Zeit und die Ressourcen, diese auch zu entwickeln. Das ist der eigentliche Flaschenhals: nicht der Wille, sondern die Infrastruktur.

Alternative Prüfungsformate – ein Vergleich

Wenn wir über Prüfungsreform sprechen, müssen wir konkret werden. Was wären die Alternativen? Ich habe die gängigsten Modelle in einer Tabelle zusammengefasst:

Format Beschreibung Vorteile Nachteile
Portfolio Sammlung von Arbeiten über ein Semester Zeigt Lernprozess, reduziert Prüfungsdruck Hoher Korrekturaufwand, Anfällig für Plagiate
Projektarbeit Praktische Aufgabe in Teams lösen Fördert Teamarbeit, realitätsnah Schwierig zu bewerten, Abhängigkeit von Gruppenmitgliedern
Mündliche Prüfung Gespräch mit Prüfer:in Ermöglicht Nachfragen, misst Verständnis Subjektiv, zeitintensiv
Open-Book-Klausur Klausur mit erlaubten Hilfsmitteln Misst Anwendung statt Auswendiglernen Benötigt gute Aufgabenstellung, sonst trivial
Peer-Review Studierende bewerten sich gegenseitig Fördert kritisches Denken, entlastet Dozierende Anfänglich ungewohnt, Fairness fraglich

Was mir auffällt: Kein Format ist perfekt. Aber das ist auch nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass wir Mischformen brauchen. Ein Studierender, der in Klausuren versagt, kann in Projektarbeiten brillieren. Warum sollten wir ihn nur nach dem einen Format beurteilen?

Die ETH Zürich hat 2024 ein Pilotprojekt gestartet: In drei Studiengängen können Studierende wählen, ob sie eine Klausur schreiben oder ein Portfolio abgeben. Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend: Die Abbruchquoten sanken um 18%, die Zufriedenheit stieg – und die Noten waren vergleichbar. Das zeigt: Es geht nicht um «Abschaffen oder Beibehalten», sondern um Wahlfreiheit.

Bildungspolitischer Ausblick – was bedeutet das für die Schweiz?

Die Luzerner Petition ist nur der Anfang. Ähnliche Initiativen gibt es in Basel-Stadt (dort hat die SP eine Motion eingereicht) und im Kanton Waadt (wo die Grünen eine parlamentarische Initiative planen). Die Bildungspolitik wird sich in den nächsten zwei Jahren mit diesem Thema befassen müssen – ob sie will oder nicht.

Ich sehe drei mögliche Szenarien:

  1. Das Minimal-Szenario: Die Arbeitsgruppe tagt, legt einen Bericht vor, der in der Schublade verschwindet. Nichts ändert sich. Die Petition verpufft.
  2. Das Kompromiss-Szenario: Der Kanton Luzern führt einen «Reformkorridor» ein – in ausgewählten Studiengängen können alternative Formate getestet werden. Das ist das wahrscheinlichste Szenario.
  3. Das Maximal-Szenario: Der Druck wird so gross, dass das Hochschulgesetz auf Bundesebene angepasst wird. Prüfungen werden nicht mehr als alleiniges Bewertungsinstrument definiert. Das wäre ein Paradigmenwechsel – und meiner Meinung nach überfällig.

Was mich optimistisch stimmt: Die Studierendenvertretung ist heute besser organisiert als noch vor fünf Jahren. Sie hat gelernt, politisch zu agieren – mit Medienarbeit, Lobbying und Bündnissen. Die Petition ist ein Beispiel dafür. Und die Bildungsdirektion hat erkannt, dass sie nicht einfach ignorieren kann, was 1200 Unterschriften fordern.

Was ich selbst tun würde

Wenn ich heute in der Bildungspolitik arbeiten würde, würde ich drei Hebel nutzen:

  • Erstens: Die Arbeitsgruppe der Bildungsdirektion mit konkreten Vorschlägen füttern – nicht nur kritisieren, sondern konstruktiv sein.
  • Zweitens: Pilotprojekte an den Hochschulen initiieren, die zeigen, dass Alternativen funktionieren. Nichts überzeugt Skeptiker mehr als harte Daten.
  • Drittens: Die Medien nutzen, um das Thema breit zu diskutieren. Die Petition ist ein guter Aufhänger – aber sie braucht eine inhaltliche Vertiefung.

Denn am Ende geht es nicht um die Abschaffung von Prüfungen. Es geht um die Frage: Wollen wir ein Bildungssystem, das Menschen formt – oder eines, das sie bricht?

Fazit – eine Chance, die wir nicht verpassen sollten

Die Petition der Luzerner Partei ist radikal. Sie ist provokativ. Und sie ist genau das, was die Bildungsdebatte in der Schweiz braucht: einen Weckruf. Seit Jahren reden wir über Reformen, über Digitalisierung, über psychische Gesundheit – aber geändert hat sich wenig. Jetzt haben wir einen konkreten Anlass, endlich zu handeln.

Ich bin kein Freund von pauschalen Forderungen. Die Abschaffung aller Prüfungen wäre ein Fehler – sie würden durch intransparente Bewertungsprozesse ersetzt, die niemandem nutzen. Aber die Richtung stimmt: mehr Diversität, mehr Wahlfreiheit, mehr Menschlichkeit. Die Bildungspolitik muss jetzt den Mut haben, diesen Weg zu gehen – nicht aus Ideologie, sondern aus Einsicht.

Was du jetzt tun kannst: Informiere dich über die Petition. Sprich mit Studierenden und Dozierenden. Bringe deine Erfahrungen ein – sei es als Betroffener oder als Beobachter. Denn die Debatte über Prüfungen ist eine Debatte über die Zukunft unserer Bildung. Und die geht uns alle an.

Häufig gestellte Fragen

Was fordert die Petition genau?

Die Petition der Jungen Alternative Luzern fordert einen sofortigen Stopp aller standardisierten Prüfungen an den Luzerner Hochschulen für zwei Jahre. In dieser Zeit sollen alternative Bewertungsformate erprobt werden. Die Forderung ist nicht auf eine Abschaffung auf Dauer angelegt, sondern auf eine Reformphase.

Ist die Petition rechtlich überhaupt umsetzbar?

Rechtlich ist die Situation komplex. Das kantonale Hochschulgesetz schreibt Prüfungen nicht explizit vor, aber die Studienordnungen der einzelnen Fakultäten tun es. Eine Umsetzung würde eine Änderung dieser Ordnungen erfordern – das braucht Zeit und politische Mehrheiten. Die Bildungsdirektion hat eine Arbeitsgruppe angekündigt, die bis September 2026 Vorschläge erarbeiten soll.

Welche Alternativen zu Prüfungen gibt es?

Zu den gängigsten Alternativen gehören Portfolio-Arbeiten (Sammlung von Arbeiten über ein Semester), Projektarbeiten in Teams, mündliche Prüfungen mit offenem Gesprächscharakter, Open-Book-Klausuren und Peer-Review-Verfahren. Kein Format ist perfekt, aber Mischformen können die Nachteile einzelner Formate ausgleichen.

Wie reagieren die Studierenden auf die Petition?

Die Meinungen sind gespalten. Ein Teil der Studierenden unterstützt die Petition, weil sie unter Prüfungsangst leiden und sich mehr Diversität wünschen. Ein anderer Teil warnt vor einem «Freifahrtschein» ohne Leistungsnachweis. Die Studierendenvertretung der Universität Luzern hat sich noch nicht offiziell positioniert, aber interne Umfragen zeigen eine knappe Mehrheit für Reformen.

Welche Auswirkungen hätte ein Prüfungsstopp auf die Arbeitswelt?

Das ist eine der grössten Sorgen der Kritiker. Arbeitgeber befürchten, dass Abschlüsse an Aussagekraft verlieren. Allerdings zeigen internationale Beispiele (wie die Aalborg Universität in Dänemark), dass Absolventen aus alternativen Systemen auf dem Arbeitsmarkt oft besser abschneiden – weil sie nicht nur Wissen, sondern auch Problemlösungsfähigkeiten mitbringen.