Als ich zum ersten Mal von Pfarrer Kölbels Vortrag über die Inquisition in Bürgstadt hörte, war ich skeptisch. Ein katholischer Geistlicher, der über eines der dunkelsten Kapitel der Kirchengeschichte spricht? Das klang entweder nach frommer Beschönigung oder nach einem öffentlichen Tribunal. Ich irrte mich in beidem. Was ich stattdessen erlebte, war eine der differenziertesten Auseinandersetzungen mit einem Thema, das bis heute unser Bild vom Mittelalter prägt – und das oft genug von Klischees verzerrt wird.

Wichtige Erkenntnisse

  • Die Inquisition war kein monolithisches Schreckenssystem, sondern durchlief mehrere historische Phasen mit unterschiedlichen Verfahrensweisen
  • Pfarrer Kölbel widerlegt in seinem Vortrag sieben weit verbreitete Mythen – darunter den angeblichen Hexenwahn als „Erfindung der Kirche"
  • Die Zahl der Todesurteile durch die spanische Inquisition liegt nach heutiger Forschung bei etwa 2.000 bis 3.000 – nicht bei Hunderttausenden
  • Der Vortrag in Bürgstadt zeigt exemplarisch, wie lokale Kirchengeschichte neu bewertet werden kann
  • Das Verhältnis von kirchlicher und weltlicher Gerichtsbarkeit war komplexer, als populäre Darstellungen vermuten lassen

Wer ist Pfarrer Kölbel – und warum spricht gerade er darüber?

Pfarrer Markus Kölbel ist kein unbekannter Name in der fränkischen Kirchenlandschaft. Seit über fünfzehn Jahren forscht er neben seiner Gemeindearbeit zur Regionalgeschichte des Bistums Würzburg. Was ihn von vielen akademischen Historikern unterscheidet: Er hat Zugang zu Archiven, die für Außenstehende gesperrt sind – und er kennt die Menschen, deren Vorfahren in diesen Akten auftauchen. Als ich ihn nach seinem Vortrag kurz sprach, erzählte er mir, dass er vor drei Jahren bei der Sichtung alter Kirchenbücher aus dem 16. Jahrhundert auf einen Fall stieß, der ihn nicht mehr losließ. Eine Bürgstadter Familie, deren Name heute noch im Ort vorkommt, war in einen Inquisitionsprozess verwickelt. Nicht als Angeklagte, sondern als Denunzianten. „Das hat mir gezeigt", sagte er, „dass die Inquisition kein fernes, abstraktes Phänomen war. Sie fand hier statt. In unseren Dörfern. Mit unseren Nachnamen."

Sein Ansatz: Zwischen Theologie und Geschichtswissenschaft

Kölbels Methode ist ungewöhnlich. Er stellt die Quellen nicht in den Dienst einer vorgefassten These – weder der Verteidigung der Kirche noch ihrer pauschalen Verdammung. Stattdessen arbeitet er mit dem, was er „historische Empathie" nennt: dem Versuch zu verstehen, wie Menschen im 15. oder 16. Jahrhundert ihre Welt sahen, ohne ihre Handlungen zu entschuldigen. Das klingt theoretisch, aber in seinem Vortrag wird es konkret. Er zeigte eine Faksimile-Seite eines Inquisitionsprotokolls aus dem Jahr 1485 – und ließ das Publikum raten, was die Anklage war. Die meisten tippten auf Ketzerei oder Hexerei. Tatsächlich ging es um Wucher. „Die Inquisition war kein reines Glaubensgericht", erklärte Kölbel. „Sie war auch ein Instrument der sozialen Kontrolle – und das machte sie für die Obrigkeit so nützlich."

Was der Vortrag wirklich enthüllt: Die drei Hauptthesen

Ich habe in den letzten Jahren Dutzende Vorträge zur Kirchengeschichte gehört. Die meisten wiederholen, was ich schon wusste. Kölbels Vortrag war anders – nicht weil er sensationelle Enthüllungen bot, sondern weil er meine Annahmen in Frage stellte. Drei Punkte haben sich mir besonders eingeprägt.

These 1: Die Inquisition war kein Monolith

Wir sprechen oft von „der Inquisition", als hätte es eine einzige Institution gegeben, die über Jahrhunderte hinweg identisch funktionierte. Falsch. Kölbel unterschied in seinem Vortrag klar zwischen drei Phasen: der mittelalterlichen Inquisition (ab 1231), die sich gegen Katharer und Waldenser richtete; der spanischen Inquisition (ab 1478), die unter königlicher Kontrolle stand; und der römischen Inquisition (ab 1542), die als Reaktion auf die Reformation entstand. Jede hatte eigene Verfahrensregeln, eigene Zuständigkeiten – und eine eigene Bilanz an Opfern. Die spanische Inquisition etwa, die im populären Gedächtnis als die grausamste gilt, war nach heutigem Forschungsstand für etwa 2.000 bis 3.000 Hinrichtungen verantwortlich. Das ist immer noch entsetzlich – aber weit entfernt von den Hunderttausenden, die in manchen Geschichtsbüchern genannt werden. „Die Zahlen wurden oft politisch instrumentalisiert", sagte Kölbel. „Von beiden Seiten."

These 2: Die Rolle der weltlichen Macht wird unterschätzt

Ein Punkt, den ich vorher nicht so deutlich gesehen hatte: In den meisten Fällen war die Kirche gar nicht die treibende Kraft hinter Inquisitionsprozessen. Es waren weltliche Herrscher, die das Instrument nutzten, um politische Gegner auszuschalten, Besitz zu konfiszieren oder Unruhen zu unterdrücken. Kölbel zeigte dies am Beispiel der Stadt Würzburg, wo im 17. Jahrhundert der Fürstbischof Johann Philipp von Schönborn die Hexenprozesse massiv einschränkte – gegen den Widerstand der eigenen Bevölkerung. „Die Kirche war oft der bremsende Faktor", so Kölbel, „nicht der treibende." Das klingt nach einer Verteidigungsrede, aber er fügte sofort hinzu: „Das macht die Schuld der Kirche nicht kleiner. Aber es macht das Bild komplexer."

These 3: Die Quellen lügen – anders als wir denken

Der für mich überraschendste Teil des Vortrags war die Quellenkritik. Kölbel zeigte ein Protokoll aus dem Jahr 1628, in dem eine Angeklagte „gestand", sie habe mit dem Teufel gebuhlt. Das Dokument war sorgfältig geführt, mit Unterschriften und Siegeln. „Sieht aus wie ein Beweis", sagte Kölbel. „Ist es aber nicht." Er erklärte, dass die Protokolle oft unter Folter entstanden – aber nicht immer. In vielen Fällen hatten die Angeklagten gelernt, was die Richter hören wollten, und lieferten es freiwillig, um die Tortur zu vermeiden. „Die größte Lüge in diesen Akten ist nicht die Erfindung von Details", sagte er. „Die größte Lüge ist die Inszenierung von Ordnung und Rechtsstaatlichkeit."

Phase der Inquisition Zeitraum Hauptzielgruppe Geschätzte Todesurteile Besonderheit
Mittelalterliche Inquisition 1231–1500 Katharer, Waldenser Unbekannt, Schätzungen 1.000–5.000 Päpstliche Kontrolle, relativ förmliches Verfahren
Spanische Inquisition 1478–1834 Konvertiten (Morisken, Juden), Protestanten 2.000–3.000 Unter königlicher Kontrolle, stark politisiert
Römische Inquisition 1542–1965 Protestanten, Hexerei, Häresie Schätzungen 500–1.500 Reaktion auf Reformation, später Index librorum prohibitorum

Der Blick auf Bürgstadt: Ein Mikrokosmos der Kirchengeschichte

Was den Vortrag für mich besonders machte, war der lokale Bezug. Kölbel hatte Archivmaterial aus Bürgstadt und den umliegenden Ortschaften ausgegraben – und damit gezeigt, dass die große Geschichte der Inquisition sich in kleinen Geschichten spiegelt. In einem Fall aus dem Jahr 1593 ging es um eine Bäuerin, die der Hexerei beschuldigt wurde. Die Anklage stammte nicht von der Kirche, sondern von Nachbarn, die ihr missgünstig waren. Der Pfarrer des Ortes setzte sich für sie ein – und verhinderte ihre Auslieferung an das weltliche Gericht. „Das ist kein Ruhmesblatt", sagte Kölbel. „Aber es zeigt, dass es auch innerhalb der Kirche Widerstand gab."

Was ich aus dem Vortrag gelernt habe – und was mich störte

Ich will ehrlich sein: Nicht alles an Kölbels Vortrag hat mich überzeugt. An einigen Stellen hatte ich das Gefühl, dass er die Rolle der Päpste und Bischöfe zu sehr relativierte. Wenn er sagte, die Inquisition sei „ein Kind ihrer Zeit" gewesen, dann ist das zwar historisch korrekt – aber es klingt manchmal wie eine Entschuldigung. Ich hätte mir mehr kritische Selbstreflexion gewünscht, etwa zur Frage, warum die katholische Kirche erst 1965 (!) die römische Inquisition offiziell abschaffte. Andererseits: Kölbel ist Pfarrer, kein Aktivist. Sein Ziel war nicht, die Kirche zu verteidigen oder anzugreifen, sondern zu erklären. Und das tat er mit einer Sachlichkeit, die ich bewunderte.

Warum dieser Vortrag gerade jetzt wichtig ist

Wir leben in einer Zeit, in der Geschichte zunehmend als Waffe eingesetzt wird. Die Inquisition dient als Argument gegen die Kirche, gegen das Christentum, gegen Religion überhaupt. Aber auch als Argument für autoritäre Strukturen: „Die Inquisition war gar nicht so schlimm, und wenn, dann war sie notwendig." Beides ist falsch. Kölbels Vortrag zeigt einen dritten Weg: die Anerkennung der historischen Schuld, ohne die Komplexität zu leugnen. Das ist unbequem – für beide Seiten. Aber es ist der einzige Weg, der zu echtem Verständnis führt. Ich habe nach dem Vortrag mit mehreren Zuhörern gesprochen. Eine ältere Dame sagte: „Ich bin katholisch erzogen worden und habe immer ein schlechtes Gewissen gehabt, wenn ich an die Inquisition dachte. Jetzt weiß ich, dass es nicht so einfach ist." Genau das ist der Wert solcher Vorträge.

Fazit: Geschichte ist kein Gerichtsverfahren

Pfarrer Kölbels Vortrag in Bürgstadt hat mir eines klargemacht: Die Inquisition war weder das pure Böse noch ein missverstandenes Instrument der Rechtsstaatlichkeit. Sie war ein historisches Phänomen, das in seinem Kontext verstanden werden muss – ohne dass wir aufhören, moralisch zu urteilen. Der Vortrag endete mit einer Frage, die mir noch lange nachging: „Was werden die Menschen in 500 Jahren über uns sagen?" Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass ich selbstkritischer geworden bin. Wenn Sie die Gelegenheit haben, einen solchen Vortrag zu besuchen – tun Sie es. Und wenn nicht: Lesen Sie die Quellen selbst. Nicht die Sekundärliteratur, nicht die Polemiken. Die Originalakten. Sie sind erschütternd. Aber sie sind ehrlich.

Mein Rat: Suchen Sie nach lokalen Kirchenhistorikern in Ihrer Region. Viele von ihnen halten Vorträge, die nie im Internet auftauchen. Fragen Sie in den Gemeindearchiven nach. Die Geschichte liegt oft direkt vor Ihrer Haustür – man muss nur hinschauen.

Häufig gestellte Fragen

Warum spricht ein Pfarrer über die Inquisition? Ist das nicht befangen?

Pfarrer Kölbel ist kein offizieller Vertreter der Kirche in diesem Vortrag, sondern tritt als Historiker auf. Er hat Zugang zu Archiven, die anderen Forschern verwehrt bleiben, und nutzt diesen Vorteil, um Quellen aus erster Hand zu analysieren. Seine Befangenheit ist ein Thema, das er selbst im Vortrag anspricht – und das er durch Transparenz und Quellenarbeit auszugleichen versucht. Ob ihm das gelingt, muss jeder Zuhörer selbst entscheiden.

Wie viele Menschen wurden wirklich von der Inquisition hingerichtet?

Die Zahlen variieren stark je nach Phase und Region. Für die spanische Inquisition gehen Historiker heute von etwa 2.000 bis 3.000 Hinrichtungen aus, für die mittelalterliche Inquisition sind die Schätzungen unsicherer – möglicherweise 1.000 bis 5.000. Die römische Inquisition war mit schätzungsweise 500 bis 1.500 Todesurteilen die zahlenmäßig kleinste. Wichtig: Diese Zahlen sind niedriger als populäre Mythen, aber immer noch entsetzlich hoch. Jede einzelne Hinrichtung war ein Justizmord.

Hat die Kirche die Inquisition inzwischen offiziell verurteilt?

Ja und nein. Die katholische Kirche hat die römische Inquisition 1965 unter Papst Paul VI. offiziell abgeschafft. Eine formelle Entschuldigung für die Inquisition als Ganzes gab es jedoch nie – wohl aber für einzelne historische Verbrechen, etwa die Verfolgung von Galileo Galilei (1992) oder die Rolle der Kirche während der Kreuzzüge (2000). Viele Historiker kritisieren, dass dies nicht ausreicht. Kölbel selbst sagte in seinem Vortrag: „Eine Entschuldigung wäre ein politischer Akt, kein historischer. Die Geschichte lässt sich nicht entschuldigen, nur verstehen."

Kann ich den Vortrag irgendwo nachlesen oder ansehen?

Nach meinem Kenntnisstand wurde der Vortrag in Bürgstadt nicht aufgezeichnet. Pfarrer Kölbel arbeitet jedoch an einer schriftlichen Fassung, die in der Reihe „Beiträge zur Geschichte des Bistums Würzburg" erscheinen soll. Wer sich für das Thema interessiert, kann auch auf die Veröffentlichungen von Historikern wie Wolfgang Behringer (Hexenforschung) oder Francisco Bethencourt (Inquisitionsgeschichte) zurückgreifen. Für lokale Geschichte empfehle ich die Archive der Diözesen – oft liegen dort ungehobene Schätze.

Warum ist die Inquisition heute noch ein relevantes Thema?

Weil sie als historisches Argument für und gegen Religion, Toleranz und Rechtsstaatlichkeit dient. Die Art, wie wir über die Inquisition sprechen, verrät viel über unsere eigenen Vorurteile – gegenüber der Kirche, gegenüber dem Mittelalter, gegenüber Autorität. Wer die Inquisition nur als „Beweis" für die Grausamkeit der Kirche nutzt, übersieht die Komplexität. Wer sie entschuldigt, übersieht das Leid. Der Vortrag in Bürgstadt zeigt, dass es einen dritten Weg gibt: die nüchterne, quellenbasierte Auseinandersetzung mit einem dunklen Kapitel – ohne moralische Vereinfachung.